Die Adresse ist geheim. Sascha Diether
(25) ist vorsichtig. Sehr vorsichtig. Groß ist die Angst vor unerwünschten
Besuchern. Vor Neidern, wie er sagt. Wer zu Sascha will,
muss am Ortsrand von Herbrechtingen warten und die Handy-Nummer wählen.
Dann wird der Schatten-Mann im silbernen Porsche um die Ecke
kommen, das Fenster ein Stück runterkurbeln und die Wartenden mit
zackiger Handbewegung auffordern, ihm zu folgen. Vor einer schmucklosen
Eisentür in einem Hinterhof wird sich Sascha dann vorsichtig umschauen,
den Carrera noch mal aufröhren lassen und aus- steigen -so wie jedes
Mal. Ein Hauch von Palermo im schwäbischen Herbrechtingen, wo es mehr
Gartenzwerge gibt als Einwohner.
Ich habe einen Horror davor, dass hier mal einer einbricht. Den
Verlust könnte mir keine Versicherung der Welt bezahlen sagt Sascha,
der die Haare in einem Büschel trägt wie Bert aus der Sesamstraße und
manchmal auch genauso breit grinst. Die Eisentür gibt den Weg in die
Schatzkammer nur widerwillig frei. Der Raum ist riesig, die vergitterten
Fenster sind verdunkelt. Das Neonlicht flackert. Überall Mountain-
bikes. An den Wänden hängen Rahmen neben unzähligen Gabeln. In einem
Glasregal sind Kultparts drapiert. Im Fach ganz unten der handgefertigte
Prototyp der Bikedrive-Kurbel. Meine BabysIll grinst Sascha und
breitet die Arme aus, als wolle er den Raum umarmen. Die Sammlung ist
sein Leben. Sechzig seltene Räder hat der Prototypen-Schweißer der
Custom- Schmiede Hot Chili in den vergangenen acht Jahren gehortet. Hat
früh morgens Zeitungen ausgetragen und in Nebenjobs geackert, um Geld
zu verdienen.
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Jetzt haust Sascha wochen- tags in einem alten
Wohnmobil hinter der Firma. So spart er zwei Tankfüllungen pro Woche und
hat Zeit für Überstunden. I/Es gab Zeiten, da hatte ich eine lange Liste
mit Fahrrädern.1/ Viele hat er wieder verkauft, denn in sein Privatmuseum
schaffen es nur die wirklich exklusiven Stücke. Das Klein Attitude von
1992 zum Bei- spiel, dessen Rahmen er als Azubi in vierzig- stündiger
Plackerei spiegelblank polierte bis das Beizmittel hämmernde Kopfschmerzen
ver- ursachte. Oder das Rocky Mountain Tantalus, dessen edle Stahlrohre
1992 von Kultschweißer Chris DeKerf höchstpersönlich zusammengefügt
wurden. Das Fragment des Vorio-Downhill- Rahmens von 1997, mit dem Regina
Stiefl eine ganze Worldcup-Saison bestritt -ein Einzelstück. Oder das Warp
9.3, weltweit existieren nur vier Stück. Zwei davon stehen hier im
Raum.
Sascha kauft und tauscht, was er bekomm
kann. Er ist gierig nach Teilen, die Fahrradgeschichte geschrieben
haben. Und er will sie alle besitzen. Es ist eine Sucht. Da tüfteln
Leute jahrelang an einem Bike, und kaum es ein Jahr im Handel, ist es
schon nichts mehr wert. Mit meinem Museum setze ich dies Bikes ein
Denkmal, erklärt Sascha sein Sammeltrieb. Grinst und streicht
verträumt über das schwarze B1- Teambike am Eingang Downhili-Star
Marcus Klausmann hat ihm die Sonderanfertigung erst nach langem Bitten
und Betteln verkauft. Schau dir die Gabelbrücke an. Die hat
Klausmann extra für 151 Mark CNC-fräsen lassen -schick.
Saschas ganz großer Traum jedoch ist ( 93er Motorrad-Mutation Mountain
Cycle S Andreas. Mit fetter Suspenders-Gabel u halbmechanischen
Pro-Stop-Bremsen. Sascha fuchtelt mit den Armen. Sein Tonfall wird
kämpferisch. Ich hatte dieses Bike schon u musste es dann aus
Finanznot in Zahlung geben. Als ich es zurückkaufen wollte, war der
Laden doch tatsächlich abgefackelt.
Obwohl der materielle Wert der Sammlung inzwischen weit über einer
viertel Million, Mark liegt, will Sascha mit seinem Museum kein Geld
verdienen. Bis er eine passende Versicherung gefunden hat, sammelt er
nur für seine Leidenschaft. Manchmal, wenn er ein paar Stunden Zeit
hat, lässt er sich in seinen Sessel: fallen, der wie ein Thron in der
Mitte des Raumes steht. Dann inhaliert er mit den Augen und träumt von
den vielen Raritäten, die in den Kellern dieser Welt vergessen vor sich
hingammeln. Irgendwann werden auch sie hier landen, da ist sich Sascha
ziemlich sicher. Viel Zeit für Mußestunden bleibt indes nicht, de
seine Babys müssen regelmäßig geputzt und mit Luft
versorgt werden. Hintereinander 120 Reifen aufpumpen, das ist
Schwerstarbeit Manchmal sehne ich mich richtig nach der Zeit zurück,
als ich nur mein altes Marin hatte seufzt Sascha. Aber das meint er
nicht so.
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